Mzunguuuu!
Da die anderen nun gestern doch nicht nach Entebbe zum Volleyballspielen gefahren sind haben wir uns spontan etwas anderes für den Sonntag einfallen lassen. Uns lockte immer noch der Baha’i Tempel, von dem wir in unseren Reiseführern gelesen hatten. Er ist nicht schwer zu finden, des es geht einfach immer geradeaus stadtauswärts der Straße nach, an der wir wohnen. Also stapften wir nach dem Frühstück (das heißt es war ca. 13 Uhr) los. Der Tempel sollte 4km außerhalb des Zentrums liegen, was von uns aus nicht mehr weit sein sollte. Aber in der Mittagshitze kam uns der Marsch durch die Ausläufer von Kampala doch etwas lang vor. In diesen „Vororten“ sieht man oft die interessantesten Straßenszenen, gepaart mit den seltsamsten (und Gott sei Dank auch seltensten) Gerüchen. Im Straßengraben, der am Ende gerade noch fertig ausgehoben wurden standen in der Knöchelhohen Brühe mehrere Leute um ein Fahrrad herum, das dort zur Reparatur aufgebockt stand. Neben dem Straßengraben, im Schatten eines der wirklich überdimensionierten Werbetafeln für einen neuen dicken Toyota stand eine fette, verdreckte Kuh träge stierend herum, während das Wasser, das in einem anderem Straßengraben höher stand in ein entfernter liegendes Basin gepumpt wurde, von dem ich hoffe, dass es nicht das Trinkwasserbasin war. Immerwieder sieht man kleiner Verschläge, in denen Limonaden und Cola verkauft werden oder in denen sich auch wahlweise ein Fleischer niedergelassen hat, der nun seine Fleischbrocken, die offen hängen oder auf der Theke liegen gemeinsam mit seltsamen grünen Organen anbietet. Wobei ich noch nicht herausgefunden habe, zu welchem Tier diese Organe gehören, die ich für überdimensionierte Lungen halte. Überall sind natürlich viele Leute auf den Bürgersteigen unterwegs, einige tragen mehrere (im besten Falle tote) Hühner, an den Füßen zusammengebunden mit sich herum, um sie zum Markt zu bringen, an dem wir dann mit dem Matatu vorbeigefahren sind. Ein paar von den obligatorischen Ziegen, die übrigens auch auf dem Campus herumlaufen und einen unschönen Gestank hinterlassen können, wenn ihnen gerade danach ist, gibt es natürlich auch hier.
Das Matatu setzte uns irgendwo ein Stück weiter an der rotgefärbten geschäftigen Straße ab, worauf sich natürlich gleich wieder die Bodafahrer mit ihren „Yes“, „Sir, Madam“ und „Mzungu“-Rufen auf uns stürzten. Nach einigen Minuten fanden wir das wohl schon ältere Schild, das uns die Richtung zum Baha’i-Tempel die kurvige Sandstraße den Berg hinauf wies, die von Grün gesäumt war, in welchem vereinzelt kleine Häuser standen.
Von hier aus konnte man den Tempel auch schon sehen. Motiviert machten wir uns an den „aufstieg“ begleitet von „Mzungu“-Rufen aus den Mündern der vielen Kleinkinder, die aus den Schatten der Häuser gelaufen kamen, um einen kurzen Blick auf uns zu werfen.
Wir lächelten freundlich zurück und ließen auch einige „Hallos“ hören, um die Mühen der Kinder zu würdigen. Prinzipiell finde ich es sehr schade, dass man mit den kleinen Kindern nicht reden kann, sofern man nicht Buganda kann. Vielleicht könnte man ihnen dann erklären, dass man selbst nur ein Mensch ist, genauso wie sie oder ihre Mütter und dass sie allein die Hautfarbe eines Menschen nicht zum Lächeln und Winken (und ausflippen) animieren sollte. Aber so kann man nur hoffen, dass sie das irgendwann verstehen, wenn sie groß sind und wenigstens dann damit aufhören.
Aber weiter mit meiner Geschichte. Diesmal stand ich nämlich wirklich im Mittelpunkt des Geschehens und zwar ziemlich wehrlos. Als wir unsere nun schon hoffnungslos rot-verstaubten Schuhe in die letzte Kurve hoch zum Hügel auf dem der Tempel steht setzten, erschien vor uns eine kleine Häusergruppe, die offenbar besonders viele Kinder beherbergte. Vielleicht hatte sich hier die Nachbarskinder zum Spielen getroffen. In Grüppchen standen die Kinder an der anderen Straßenseite, die Größeren schauten nur, die kleineren winkten und riefen wie gewöhnlich. Die Erwachsenen lächelten, wahrscheinlich über uns und über die Kinder, die sich so über unsere Weißheit freuten. Obligatorisch zurück lächelnd stapften wir weiter, während sich eines der kleinsten Kinder aus einer der Gruppen löste und schnurstracks „Mzunguuu!“-jubelnd über die Straße auf uns zugelaufen kam. Dachte ich. Aber der Kleine wusste schon genau wohin er wollte, ignorierte Daniel und Johannes und klammerte sich direkt an meine rechte Hand. Die Kinder und die Erwachsenen lachten weiter, und da sich ja nun schon so einige Kinder an meine Hände gehangen haben, versuchte ich mit dem kleinen Anhängsel Kontakt aufzunehmen, während ich meinen Weg den Berg hinauf fortsetzte, aber er schien gar nichts mehr von mir wissen zu wollen. Meine Hand haltend starrte der Kleine fest geradeaus oder auf den Boden und lief neben mir her, als wenn das nun mal so sein müsste, wenn Sonntags die Weißen vorbeikommen. Als wir an der Häusergruppe vorbeigezogen waren, versuchte ich ihm zu bedeuten, dass wir so langsam sein zu Hause verließen und da doch die anderen Kinder mit ihm spielen wollten und seine Mama wartete. Nö, völlig egal…Also suchte ich zwischen den ganzen Kindern einen Erwachsenen, dem ich mittelns Schulterzucken signalisieren konnte, dass ich nicht recht wusste, was zu tun ist. Natürlich kam die passende Mama gleich auf mich zugelaufen, lachend und versuchte, den kleinen Esel, von meiner Hand zu pflücken. Aber der kleine Sturkopf hatte wohl beschlossen, dass meine Hand nicht dazu da ist, losgelassen zu werden, und während die Mama an dem einen Arm zog, klammerte sich der andere an meine rechte Hand.
Also gut, sagte ich mir. Er ist ja ein kleines Süßes Kind und das hier ist der einzige Weg zum Tempel. Ich erklärte der Mama, dass wir nur hinauflaufen und uns den Tempel ansehen wollten, und dann wieder kämen und wenn er wollte, könnte der Kleine gerne mitkommen. Das hielt sie offenbar auch für das Beste und ließ uns beide ziehen. Jedoch nicht, ohne uns eine vernünftige Eskorte zur Verfügung zu stellen, was wirklich eine prima Idee war, wie sich dann herausstellte.
Wie auch bei uns musste natürlich der Größte unter den Mucken des kleinen leiden und bekam die Rolle des Aufpassers zugewiesen, die er wahrscheinlich ziemlich häufig wahrnimmt. Das Gute war, dass dieser Junge, er war 8 und hieß Ismael, sehr gut Englisch konnte, weil er schon 2 Jahre die Schule besuchte. Also habe ich mich ein bisschen mit ihm unterhalten. Wie viele Geschwister sie denn seien und wie alt. Da bemerkte ich, dass uns noch ein dritter Junge begleitete, der, wie sich herausstellte, der Mittlere der Jungs war und wahrscheinlich auch unter der Obhut des Großen stand und daher mit uns stapfen musste. Er hieß Yusuf.
Während wir den Berg hinanstiegen und uns zaghaft unterhielten, reagierte der kleine Hamla an meiner Hand immer noch nicht. Aber anscheinend war er in der Hinsicht einfach sehr genügsam und das Anfassen eines Mzungus war im schon toll genug. Yusuf konnte leider noch kein Englisch, deswegen lief auch er recht still neben uns her. Ich fühlte mich also ein wenig hilflos, aber ändern konnte man an der Situation auch nicht wirklich viel. Nach einer ziemlichen Strecke kam mir der Gedanken, dass Hamla echt ein kleiner Pups war, der so einen Berg nicht hochsteigen sollte. Also nahm ich ihn auf den Rücken, wo er still im Takt meines Ganges vor sich herwippte. Aber offensichtlich gefiel ihm das ganz gut, denn er legte sofort den Kopf ab und suchte sich halt, indem er unter meinen Armen durchgriff, wie die Kleinen das hier machen, wenn sie im Tragetuch hocken (hier gibt es ja keine Kinderwagen).
Nach einer Weile wurde das bei der knallenden Sonne (die mir ganz nebenbei einen tollen Sonnenbrand bescherte) ziemlich anstrengend. Als mir der Schweiß von der Nasenspitze tropfte (was keine Übertreibung und hier keine Seltenheit ist) meinten Daniel und Johannes, Hamla könnte ruhig malwieder ein Stück laufen, sodass ich ihn absetzte. Doch anstatt Hamla laufen zu lassen, kam nun Isma herbeigelaufen (ein Jahr jünger als Maiki und Verena!) um ihn zu tragen. Das konnte ich natürlich nicht zulassen und nahm das Paket wieder auf meinen Rücken.
Am Tempel angekommen setzte ich ihn dann endgültig ab (er ließ ein kurzes, gewichtiges „Baha’i! hören), um die Tafel zu lesen, die dort stand, um Touristen über die Inhalte der Baha’i-Religion zu informieren, zu der übrigens auch Isma, Yusuf und Hamla gehören. Johannes meinte, diese Religion klingt, als hätte Immanuel Kant sie in Form gegossen. Und das beschreibt sie tatsächlich ziemlich gut. Unter den Hauptinhalten sind zum Beispiel die Einheit von Verstand und Glaube, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Unterstützung und Einheit des Glaubens durch die/mit den Wissenschaften plus der Begründung einer Weltzivilisation. Kann man so unterschreiben. Ich fragte mich aber natürlich gleich, wofür ich dazu eine Religion brauchen sollte, aber man „darf das ganze halt nicht auf die Spitze treiben, dem Volke muss die Religion erhalten bleiben.“
Den Tempel kann man außerhalb der Öffnungszeiten für den Gottesdienst, der Sonntag 10:30 stattfindet, nicht betreten, deswegen drehten wir nur eine Runde um ihn herum, machten ein schönes Gruppenfoto und legten uns dann unter einen Baum. Während ich versuchte Isma und Yusuf bei Laune zu halten (weil ich Angst hatte, dass ihnen langweilig ist) indem ich ihnen meine Digitalkamera in die Hände drückte und aus Hamla durch ausgiebiges Kitzeln einen Laut herauszulocken (was mir auch gelang) spielten Daniel und Johannes eine Runde Schach. Das Gelände um den Tempel herum ist wirklich sehr schön. Im Prinzip fühlt man sich wie in einer Parkanlage bei uns zu Hause. Dadurch, dass der Tempel relativ hoch liegt, weht dort auch ein schöner Wind, sodass es Kühler ist als in der Stadt.
Kurz gesagt, es war da oben richtig angenehm, aber ich konnte es nicht wirklich genießen, da ich mir Sorgen machte, dass Isma und Yusuf sich langweilten, denn mittlerweile waren sie dazu übergegangen einfach nur still nebeneinander zu sitzen.
Hamla war auf meinem Schoss zufrieden eingeschlafen. Zwischendurch kam noch ein Afrikaner zu uns, der uns erklärte, dass er hier oben immer seine Bücher für die Uni lese (was Daniel und ich für eine großartige Idee hielten). Er erzählte uns, dass in den Dörfern in Uganda Kinder im gleichen Alter wie Isma, Yusuf und Hamla sicher schreiend vor uns weglaufen würden. Ich musste kurz darüber nachdenken, welches Verhalten mit eigentlich besser gefällt…
Nunja… nachdem die beiden Jungs das Schachspiel beendet hatten (Daniel war so sicher am Gewinn, schaffte es dann aber irgendwie ein Remis hinzukriegen, weil er seine Dame genau dorthin setze, wo er sie nicht hinsetzen hätte sollen) machten wir uns an den Abstieg. Der war auch wieder schön anstrengend, denn Hamla schlief auf meinem Rücken weiter, während alle Afrikaner die uns entgegenkamen erst verwirrt guckten und dann anfingen zu lachen.
Wieder bei den Häusern angekommen trug ich Hamla bis zu dem Rund im Schatten, in dem die Frauen mit den kleinesten Kindern versammelt saßen. Alle lachten herzlichen, als sie de Mzungu sahen, die den kleinen Hamla nach Hause schleppte. Aber ich glaubte, im Lachen auch ein wenig Anerkennung zu hören, also war ich zufrieden und beschwichtigte, die Mama, die sich unablässig entschuldigte, wenn sie nicht lachte. Der kleine Hamla sah mich mit großen Augen an, winkte, als seine Mama ihm das sagte und ging dann wieder spielen. Das war’s dann. Einmal Mzungu-als-Pferd-benutzten: Aufgabe erfüllt.
So nahmen wir drei unser Matatu nach Hause, wo ich nach einem kräftigen Mittagessen (meine Arme zitterten die ganze Zeit über ein wenig, weil 3jährige nicht die leichtesten Kinder sind) erstmal ausgiebig duschte, um den Rest des Tages einfach nichts mehr zu machen. Mzungu kaputt.

Hi Schwesterherz,
wirklich tolle Geschichte! Es ist immer wieder sehr amüsant Deine Erzählungen zu lesen. Wir sind begeistert. Deinen Gewitterzähler musst Du noch aktualisieren!
Morten fährt jetzt mit seinem BobbyCar munter durch die Wohnung! Das erste richtige Wort lässt immernoch auf sich warten, ansonsten geht es ihm prächtig! Wir sind gerade mit Erkältung ein bischen angeschlagen und könnten Dein warmes Wetter durchaus gebrauchen. Am Wochenende konnten wir jedoch schon schönes Sonnenwetter genießen.
LG Tanja & Co
Hallo Gesine,
ich hoffe, dass der Äquator dich wieder losgelassen hat und du wieder gelandet bist.Den kleinen Hamla hast du prima geschleppt – vielleicht ist das ein gutes Training. Dann also alles Gute, halt dich tapfer – Deine Mutti