Der Streik ist zu Ende, das Warten beginnt
Nach meiner ersten Veranstaltung war der Rest meiner Woche nicht mehr sehr erfolgreich. Außer bei einer weiteren Vorlesung (Entwicklungsphilosophie am Dienstag) ist kein Dozent zu seiner eigenen Veranstaltung aufgetaucht. Die Studenten sagten mir, das sei so, weil die Dozenten ja gestreikt hätten und nun wissen, dass die Studenten nicht nach Kampala gekommen sind. Deswegen fangen sie erst nächste Woche an, damit keiner der Studenten, die nicht hier sind nichts verpasst. Mann…ich glaube, das ist unter Umständen ugandische Logik, oder? Die Stundenten hatten drei Wochen Zeit hier aufzukreuzen, wer da etwas verpasst hat meiner Meinung nach einfach Pech gehabt!
Naja…die Theorie meiner Internetcafé-Lady, die auch schon an der Makerere studiert hat ist, dass die Dozenten eben faul sind. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit mal wieder irgendwo zwischen den beiden Thesen.
Ich hatte euch ja schon ein bisschen von meiner ersten Veranstaltung geschrieben. Heute hatte ich die zweite Veranstaltung bei dem Dozenten und mein Eindruck, dass er sehr nett und ziemlich cool ist und vor allem so redet, dass man ihm sehr einfach zuhören kann, hat sich 100%ig bestätigt. Ich finde es witzig, dass er Orale Literatur unterrichtet, denn wenn er redet klingt es eigentlich immer so melodisch, als würde er gerade ein Gedicht rezitieren.
Mein anderer Dozent war auch sehr in Ordnung. Obwohl die Art zu unterrichten hier schon sehr anders ist, als bei uns an der Uni. Zunächst einmal wirkt alles ziemlich verschult und ein bisschen frontal. Und manchmal walzen die Dozenten Sachen sehr lange aus, die bei uns mit einem Halbsatz erledigt wären oder als selbstverständlich angenommen und gar nicht angesprochen würden. Die Dozenten wiederholen sich sehr häufig und noch häufiger dann, wenn etwas so wichtig ist, dass man es aufschreiben sollte. Mein Entwicklungsphilosophiedozent schafft es auf diese Weise locker 10mal hintereinander das Gleich zu sagen. Aber wenigstens komme ich gut mit. Die Studenten und auch Dozenten haben eine etwas seltsame Art zu reden, wenn sie etwas betonen wollen. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Sie sagen dann einen Satz. Und wiederholen ihn nocheinmal, beim zweiten mal allerdings bringen sie immer ein “what?” in den Satz ein. Ein besonders lustiges (und ein wenig nerviges) Beispiel habe ich bei Entwicklungsphilosophie erlebt:
Dozent:
Nun möchte ich Ihnen verdeutlichen, dass Entwicklung interdisziplinär ist, Entwicklung findet überall statt, Entwicklung ist nicht nur ein Thema für Wirtschaft und Philosophie, Entwicklung findet sich überall.
Er schreibt mit Kreide an die Tafel:
Physiologie- motorische Entwicklung eines Kindes
Photographie- Entwicklung eines Negativs
Geographie- Entwicklung einer Landschaft
Hausbau – Entwicklung eines Risses
Gesundheit- Entwicklung eines Fiebers
Sie sehen, Entwicklung findet überall statt! (Er liest alles noch einmal vor.) Entwicklung ist ein Prozess, der überall stattfindet. Also Entwicklung ist – ein WAS?
Alle Studenten um mich herum rufen: Ein Prozess!
Dozent: Genau, ein Prozess, der überall stattfindet, auch im Hausbau. Im Hausbau entwickelt sich -ein WAS?
Alle Studenten um mich herum rufen: Ein Riss!
In dem Moment war ich ein wenig überrascht, um loszulachen, aber ich weiß nicht, was beim nächsten mal passiert, wenn ich einem Philosophieseminar, in dem man besonders kritisch denken sollte auf einmal wieder alle nachblöken, was der Dozent sagt, besonders, wenn es etwas so Fundamentales ist wie “Ein Riss!”.
Und ich dachte. Nun gut, du wusstest, dass die pädagogischen Methoden hier ein bisschen veraltet sind, das wurde dir ja erzählt. Nur, am nächsten Morgen machte ich meinen Mitstudenten, den ich nächste Woche nochmal nach seinem Namen fragen muss, darauf aufmerksam, dass zwei Veranstaltungen zur gleichen Zeit im Gleichen Raum auf dem Stundenplan stehen, und dass das doch nicht geht…
Er erwiderte: “Kein Problem, die beiden Dozenten werden sich hier treffen und ihren Fehler bemerken, und dann ändern sie- WAS?….(ich gucke ihn irritiert an)…DEN STUNDENPLAN!”
Also, die Leute reden hier einfach so, wenn sie eine gewisse Ausbildung durchlaufen haben, glaube ich. Daran muss man sich einfach gewöhnen.
Woran man sich auch gewöhnen muss, sind die Räume. Zur zweiten Vorlesung musste ich in den Hörsaal drei. Als ich den Raum betrat war noch niemand darin. Ich ging nocheinmal zur Tür und schaute darauf: Doch, das war der Hörsaal drei.
“Nungut, dachte ich. Gucke ich einfach nochmal an den Stundenplan, ich hab mich wohl verguckt.” Denn der Raum sah so aus:
Nun, während ich noch vor dem Raum stand, traten andere Stundenten an mir vorbei in ihn herein und begannen tatkräftig, die Plakate zu zerreißen, um sie zu nutzen, um die Sitzbänke abzuwischen, die ein Semester lang nicht genutzt wurden. Ich kramte in meiner Tasche nach einem Taschentuch und tat es ihnen vorsichtshalber nach. Keine schlechte Idee, wie sich herausstellte:
Später nutzte der Dozent ein altes Transparent, das hinten im Raum lag, um die Tafel abzuwischen…
Als ich saß, sah ich mich nocheinmal im Raum um, da im Raum am Montag eine etwa 5cm(ohne Beine) große Spinne an der Decke gehangen hatte und unter soeine wollte ich mich nicht setzen. Aber in diesem Raum waren eher freundlich gesinnte Lebewesen unterwegs (das weiße ist übrigens angestrichene Korkwand, mit der der Raum ausgekleidet war):
Allerdings saß der heute auch noch da- ich glaube der lebt nicht mehr wirklich.
Während der Veranstaltung fing es glücklicherweise (denn es war wirklich schon drückend heiß) an zu regnen. Begleitet von meinem dritten Gewitter hier, seid meiner Ankunft, das man auch wirklich mal so nennen konnte. Beim ersten richtigen rums schaute ich zum Fenster- gerade rechtzeitig um so einen richtig großes Gecko vom Fenster zur Schrankwank flüchten zu sehen. Ganz mutig schaffte ich es, mich zusammen- und meine Gedanken von dem Vieh loszureißen, um der Veranstaltung zu folgen, was mir auch gut gelang- ist ja nicht schwer, wenn alles 5mal gesagt wird…

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