Nachdem uns nun endlich wieder eine Portion Strom zugeteilt wurde kann ich mich jetzt endlich daran machen, euch zu erzählen, was ich vor einem Monat so erlebt habe. Ich muss euch leider gestehen, dass ich gar kein allzu schlechtes gewissen habe, euch so lange warten zu lassen. Faulheit ist eine Starke Macht
.
So. Nun jetzt los. Hier zuerst mal wieder eine schöne Karte, damit ihr überhaupt wisst warum es geht und gleichzeitig auch zur Zusammenfassung meiner bescheidenen Reisen in meinen vier Monaten in Kampala.

Zuerst noch ein paar Nachträge zu Gulu. Die vielen „religiösen Bilder“ habe ich dort im „Comboni Missionary Animation Center“ aufgenommen, wo der Workshop zu den Rechten von Opfern vor dem Internationalen Strafgerichtshof stattfand. Ursprünglich hatte ich mein Bett dort in einem der „dormitories“ gebucht. Als ich diese jedoch besichtigte (und die Pumpe, an der man sich eine Schüssel voll Wasser füllen konnte, um damit in einem muffigen Bretterverschlag zu „duschen“) fühlte ich mich aufrichtig und spirituell dazu animiert mir ein Zimmer in der Stadt zu suchen, das mit einer luxuriösen kalten Dusche und Moskitonetzen ausgestattet war. Herr Comboni war ein ganz engagierter italienischer römisch-katholischer Priester, der seine Aufgabe anscheinend so sah:

Trotzdem ist er in Afrika gestorben- wie inkonsequent. Gleichzeitig kann ich mir nicht erklären, was er überhaupt in Afrika verloren hatte denn seine andere Losung hieß: „Save Africa trough Africans“ also Rette Afrika durch Afrikaner. Naja, mir wurde hier nach nur drei Monaten auch schon erzählt, ich sei ja nun schon Uganderin, da kann man schnell mal durcheinander kommen, das muss man dem dicken Herrn Comboni schon zugestehen.
Ich bin in Gulu selbst leider nicht viel zum Photographieren gekommen, weil ich ja arbeiten musste, was gepaart mit der frühen Dunkelheit ungünstige Bedingungen fürs Photographieren darstellt.
Aber trotzdem habe ich noch ein Motiv erwischt, das man in Gulu wirklich an allen Ecken und Enden sehen konnte: Richtig fette Truthähne!

Die Zelte vom World Food Program (Welt-Ernährungs Programm der Vereinten Nationen) sind in Gulu nicht stationiert, weil die Leute in Uganda generell wegen Dürren oder ähnlichem verhungern würden, sondern weil die meisten von ihrem ursprünglichen Land in die Camps für Binnenflüchtlinge vertrieben oder umgesiedelt wurden und dort (was man sich bei dem geringen Abstand zwischen den einzelnen Hütten denken kann) kein Farmland zur Verfügung steht um die Flüchtlinge ausreichend zu versorgen. OK. Ich merke gerade, dass es nicht sehr hilfreich ist, immer nur über die Flüchtlinge zu reden und nicht zu erklären, wo die denn eigentlich herkommen. Also werde ich mal einen Versuch(!) wagen, denn das ist alles nicht so einfach zu erklären.
In Nord-Uganda herrscht seit etwa 20 Jahren Krieg. In der letzten Zeit hat sich die Situation gebessert. Unter anderem dadurch, dass die Situation in Nord-Uganda zu einer Situation vor dem Internationalen Strafgerichtshof erklärt wurde, was bedeutet, dass in Nord-Uganda nun wegen des Begehens von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord ermittelt wird und die vom Internationalen Strafgerichtshof mit Haftbefehl gesuchten Anführer der „Lord’s Resistance Army“ nicht mehr wie es Ihnen gefällt Unheil anrichten können. Der Hauptangeklagte und Anführer dieser „Armee“ ist Joseph Kony.
Da ich selbst keinen Mist erzählen möchte habe ich euch das Folgende von den Seiten der Bundeszentrale für Politische Bildung kopiert. Für die Kinder wird’s jetzt vielleicht ungeeignet und sicher zu anstrengend, aber trotzdem wollte ich nichts auslassen.
Geschichte des Konflikts und des Friedensprozesses
Nachdem Museveni 1986 die Macht übernommen hatte, formierten sich im Norden zwei oppositionelle bewaffnete Gruppierungen – die Uganda People’s Democratic Army (UPDA), welche aus der früheren Armee hervorging, sowie das von Alice Auma Lakwena, einer jungen, als Geistermedium wirkenden Frau geführte Holy Spirit Movement (HSM) bzw. Holy Spirit Mobile Forces (HSMF). Beide wurden von der lokalen Bevölkerung unterstützt. 1988 entstand aus den Resten der UPDA, die einem im selben Jahr unterzeichneten Friedensvertrag mit der Regierung nicht zugestimmt hatten, und der HSMF, die 1987 militärisch geschlagen worden war, die Gruppe um Joseph Kony. Als United Holy Salvation Army (UHSA) gegründet, hat sie sich 1992 in Lord’s Resistance Army (LRA) umbenannt.
1991 startete die ugandische Armee die erste Militäroffensive gegen die UHSA. 1993/94 scheiterten erste Verhandlungen zwischen der Regierung und der LRA, woraufhin sich die LRA in den südlichen Sudan zurückzog und von dort aus mit Unterstützung der sudanesischen Regierung operierte. 1995/96 gingen die ugandische Armee und die SPLA im südlichen Sudan gemeinsam gegen die LRA vor. Die Gewalt der LRA gegenüber der Zivilbevölkerung Nord-Ugandas eskalierte erneut, was die Regierung zum Anlass nahm, ab Ende 1996 den Großteil der ländlichen Bevölkerung unter erheblichem Druck in die als „protected villages“ bezeichneten Lager für Binnenvertriebene umzusiedeln.
1998 begannen die USA, Uganda militärisch und logistisch zu unterstützen. 1999 normalisierten sich die Beziehungen zwischen Uganda und dem Sudan nach der Unterzeichnung eines Friedensabkommens. Doch die Unterstützung der LRA durch die sudanesische Regierung wurde fortgesetzt. Seit 2002 unterstützen die Regierungen von Uganda und Sudan den von den USA ausgerufenen „war on terrorism“. Die LRA wurde auf die Liste terroristischer Gruppierungen gesetzt. Im Zuge der anschließenden Offensive der ugandischen Armee gegen die LRA, die mit Erlaubnis der sudanesischen Regierung auf den Süd-Sudan ausgedehnt wurde, kehrten zahlreiche LRA-Kombattanten nach Nord-Uganda zurück. Die LRA reagierte mit zunehmender Gewalt gegen Zivilisten. Die Regierung Ugandas verklagte die LRA-Führung Ende 2003 beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und startete ab März 2004 eine weitere Offensive.
Im Januar 2005 unterzeichneten die sudanesische Regierung und die SPLA einen Friedensvertrag, woraufhin die Unterstützung der LRA durch die Regierung in Khartum zumindest offiziell eingestellt wurde. In der Folgezeit wurden viele LRA-Kämpfer festgenommen oder sind zur ugandischen Armee übergelaufen. Die LRA-Führung zeigte sich nun immer weniger verhandlungsbereit, bis sie Mitte 2005 den Kontakt zur ugandischen Regierung abbrach und sich nach Ost-Kongo zurückzog.
Anfang 2006 konnte der Präsident des Süd-Sudan die LRA-Führung dazu bewegen, im Süd-Sudan mit Vertretern der ugandischen Regierung zu verhandeln. Ende August trat ein Waffenstillstandsabkommen in Kraft. Der ugandische Präsident teilte mit, dass die Amnestie-Gesetzgebung auch auf die Führungsspitze der LRA Anwendung finden werde, wenn es zum Abschluss eines Friedensvertrages kommt. Der Internationale Strafgerichtshof besteht jedoch auf der Überstellung Konys und seiner engsten Gefolgsleute.
Nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens im August 2006, dem im Juni 2007 ein weiteres Abkommen zu Gerechtigkeit und Versöhnung folgte, kam es in Nord-Uganda kaum noch zu Übergriffen der LRA, die sich in den Süd-Sudan und Ost-Kongo zurückgezogen hat. Gleichwohl stagnieren die Verhandlungen. Es gibt Gerüchte über eine Spaltung der LRA, nachdem LRA-Führer Joseph Kony die Exekutierung seines Stellvertreters angeordnet haben soll. Uganda und Kongo haben im September 2007 ein Abkommen zur Verbesserung ihrer Beziehungen und Beendigung von grenzüberschreitenden Rebellenaktivitäten unterzeichnet; sie drohen mit der militärischen Option, falls die LRA nicht bis Ende Januar 2008 ein Friedensabkommen unterzeichnet.
Seit Juli 2006 verhandeln beide Seiten unter Vermittlung nationaler und internationaler Akteure in Juba (Süd-Sudan). Die LRA-Führungsspitze, die sich im Ost-Kongo aufhält, nimmt nicht an den Verhandlungen teil. Sie fürchtet die Verhaftung, da sie Ende 2003 beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurde. Während der Internationale Strafgerichtshof und Vertreter der internationalen Gemeinschaft auf der Klage beharren, diskutiert man in Uganda darüber, welche Rechtssysteme angemessen sind, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und gleichzeitig zu Versöhnung und sozialer Reintegration beizutragen. Die Mehrheit plädiert für eine Kombination von nationalem Recht und traditionellen Verfahren.
Ursachen und Hintergründe
1986 begannen in Nord-Uganda die Kämpfe zwischen der Rebellenorganisation Lord’s Resistance Army (LRA) und der ugandischen Armee. Die LRA hat seither schätzungsweise 30.000 Kinder als Soldaten zwangsrekrutiert und sexuell versklavt und ist für die Tötung, Verstümmelung, Folter und Vergewaltigung von zehntausenden Zivilisten verantwortlich. Auch die ugandische Armee hat sich Verbrechen an der Zivilbevölkerung schuldig gemacht. In der Region ist die Infrastruktur weitgehend zerstört und 1,6 Millionen Flüchtlinge drängen sich unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern.
Die Nord-Süd-Kluft hat ihren Ursprung in der kolonialen Arbeitsteilung. Die Briten rekrutierten die Bewohner des Nordens primär für das Militär und wenig anspruchsvolle Arbeiten. Dagegen fanden die Menschen aus Zentral-Uganda in spezialisierten Wirtschaftsbereichen und im Erziehungswesen Beschäftigung. Das Entwicklungsgefälle hat sich seit der gewaltsamen Machtübernahme durch den aus dem Südwesten Ugandas stammenden Präsidenten Museveni im Jahre 1986 weiter verfestigt.
Die Regierung hat bisher wenig unternommen, aus der multiethnischen Bevölkerung Ugandas, die sich primär über ethnische Bindungen identifiziert, eine Nation zu schaffen. Die Luo-sprachigen westnilotischen Acholi werden weiter als ein primitives, Gewalt liebendes Volk dargestellt, das sich im Vergleich zum Bantu-sprachigen Süden nur schwer integrieren lasse. Die primär aus dem Süden stammenden Eliten bezeichnen Uganda in erster Linie als eine „Nation der Bantu“.
Die LRA verbindet ihren Widerstand gegen die Regierung mit der Mission, die Acholi – die wichtigste ethnische Gruppe in ihrem Hauptoperationsgebiet – zu „reinigen“ und zu „erneuern“. Dabei werden christlich-fundamentalistisches Gedankengut und tradierte Acholi-Überzeugungen miteinander verschmolzen. Ihre Ziele sind der Sturz der Regierung, die Erneuerung der Verfassung auf der Basis der Zehn Gebote, die nationale Integration sowie die Entwicklung und politische Teilhabe des Nordens. Die LRA, die bis vor kurzem ihre Hauptstützpunkte im südlichen Sudan hatte, wurde lange Zeit von der sudanesischen Regierung unterstützt. Dies war eine Reaktion auf die Förderung der Sudan People’s Liberation Army (SPLA) durch die ugandische Regierung. Im Gegenzug kämpfte die LRA an der Seite der sudanesischen Armee gegen die SPLA.
Hier noch eine beeindruckende Graphik zu den Zahlen der Flüchtlinge:

Und um euch aktuell auf dem Laufenden zu halten:
Wie ich erwartet hatte hat Joseph Kony den letzendlichen Friedensvertrag natürlich nicht unterschrieben, sondern ein paar seiner Untergebenen und seinen Chefunterhändler umbringen lassen und sich in die Demokratische Republik Kongo verzogen, wo er in den letzten drei Monaten ungefähr 500 Jugendliche entführt und zu Soldaten gemacht hat. Die LRA hat zur Zeit eine geschätzte Sträke von (nur)1200 Mann. Da mag man sich doch fragen, warum man kopfüber in einen nicht enden wollenden Irakkrieg rennen kann, aber nicht mal eben einen geisteskranken Mann stellen, der zur Hälfe von Kindern verteigt wird (ok, natürlich seh ich da nen Punkt). Trotzdem denke ich, dass das doch einiges über Prioritäten und Interessen von „Großmächten“ aussagt.
Sop. Ich hoffe das stellte einigermaßen gut dar, in welcher Situation sich die Menschen in Nord-Uganda befinden. Wobei Nord-Uganda eine starke Untertreibung ist, wie ich finde, denn die betroffenen Gebiete reichen bis hinunter nach Soroti (siehe Karte), also insgesamt mehr als die nördliche Hälfte Ugandas. Ich habe in Gulu selbst Menschen getroffen, die von diesem Krieg betroffen sind. Wie ich lernte ist das aber nichts besonderes, denn über 80% der Menschen, die im Norden leben sind von dem Konflikt traumatisiert. Das habe ich dann später erst besser verstanden, als ich gesehen habe wie viele der Flüchtlingslager es auf dem Weg von Gulu nach Adjumani (nahe der sudanesischen Grenze) gibt. Ich habe auf dem Workshop selbst mit einer Frau geredet, von der ich erst später erfahren habe, dass sie selbst mit 7!!! Jahren von zu Hause entführt wurde und dann in der Armee dienen musste, wo sie später mit einem alten General verheiratet wurde und ein Kind von ihm bekam. Sie konnte befreit werden, als sie 14 war. Auf dem Workshop selbst ging es ja auch darum, wie man mit Opfern des Krieges umgeht und viele der Teilnehmer arbeiteten in Organisationen, die direkt mit den Opfern reden, sie versuchen sie wieder in ihre Gemeinden einzugliedern und ihnen Zukunftsperspektiven zu geben, sie mit Bildung oder Arbeit zu besorgen und anderes. Diese Leute haben auch einige Geschichten erzählt, die sie von den Opfern gehört haben. Mir war bei vielen sehr mulmig zu mute, aber bei einer (die ich hier nicht erzählen werde) wurde mir so schlecht, dass ich mich übergeben musste und mich erstmal eine halbe Stunde außerhalb des Raumes wieder beruhigen. Es ist etwas anderes, über so etwas zu lesen (was ich vorher schon für eine Arbeit über Kindersoldaten gemacht hatte) oder es direkt von den Menschen, die mit den Opfern arbeiten oder den Opfern selbst zu hören.
Wenn man zu Hause in der klimatisierten Universitätsbibliothek sitzt, ist der Zwang sich das Ganze vorzustellen nicht wirklich hoch und man kann dem gut entkommen. Aber wenn draußen die Kindermassen vorbei laufen, an einer Schule vorbei aus der einige Jahre zuvor fast alle Kinder entführt und zu Soldaten gemacht wurden ist das doch etwas anderes. Gleichzeitig ist es faszinierend, wie nahe man der Situation sein kann, ohne sie zu bemerken. Natürlich liegen in Gulu ein paar mehr Soldaten herum und die Gegenwertigkeit von Entwicklungshilfe-Organisationen scheint auch etwas überproportional, aber insgesamt und insbesondere im Vergleich zu dem was in der Gegend vorgegangen ist sind die Leute eigentlich sehr normal und wenn man es nicht wüsste könnte man sehr gut darüber hinwegsehen. Nein, man müsste nicht mal darüber hinwegsehen. Aber das könnte auch an meiner unerfahrenen europäischen Perspektive liegen. Aber ich glaube selbst die Leute die in Kampala leben haben schon eine ganz andere Perspektive als die Leute vor Ort. Ich hatte mir vorgestellt, dass man in Deutschland ja „so weit weg“ ist, aber selbst in Kampala, also ein paar tausend Kilometer näher dran, ist man vom Gefühl her noch sehr weit vom Norden weg. Vielleicht fällt es der Regierung deshalb so einfach, den Norden (besonders den Nordwesten) oft zu vergessen…
Nun gut, um euch nach diesem traurigen Kapitel meiner Ugandischen erlenisse wieder ein wenig aufzuheitern, ein schönes Beispiel dafür, wie man auf kreative weise sicher stellt, dass die neu eröffnete Privatschule in Kampala auch ordentlich besucht wird: Man gebe ihr einen überzeugenden Namen. (Goethe-Gymnasium ist doch echt von gestern.)

und noch ein kleines Rätsel:
Was für ein Baum ist das? Ich freue mich auf eure Vorschläge!

Seid gedrückt und möge Gott (jedoch besser der Verstand und das Mitgefühl eurer Mitmenschen) euch behüten .
Eure Sine.

P.s. Danke für die vielen lieben Geburtstagsgrüße. Sie haben mir wirklich Kraft für die letzten Tage gegeben. Ihr seid großartig! Ich hab mir sogar ein schönes Geburtstagfeuerchen gebastelt:

Und noch eines (besonders für meine tolle Ulli) um das Text-Bild Verhältnis wieder etwas ins Lot zu bringen:

Veröffentlicht in Kampala/Uganda